Wie authentisch kann Künstlichkeit sein?
Zitat Künstlichkeit schätze ich grundsätzlich sehr.
Autor Austrofred
Seit 25 Jahren schlüpft Franz Adrian Wenzl abseits seines Engagements bei der Band Kreisky als Austrofred in die Rolle eines Freddie-Mercury-Impersonators, der zu den unsterblichen Tracks von Queen Textperlen des Austropop und aus eigenem oberösterreichischen Munde singt. Mittlerweile ist der Austrofred auch als Autor, Schauspieler und Fernsehfigur bekannt.
Unser hier kräftig gestrafftes Bildschirmgespräch findet im August 2025 im Stil einer Szene aus Ulrich Seidls schonungsloser Schattendaseins- und Trieblebensdoku „Im Keller“ als Videocall statt.
Franz Adrian Wenzel im Gespräch mit Florian Sedmak
Franz, bist du in den Heizungskeller verbannt worden?
Nein, da wohne ich.
Und wo befindet sich dieser Keller?
Das ist mein Aufnahmekeller in München. Nebenan und räumlich getrennt ist der Waschkeller.
Wohnsitzmäßig bist du halb Wiener, halb Münchner.
Geschäftlich eher Wiener. Familiär eher Münchner. Der Austrofred hingegen ist auf geradezu
ostentative Weise Oberösterreicher.
Das ist quasi mein Unique Selling Point.
Ist dir als Oberösterreicher München oder Wien kulturell näher?
Weder noch. Interessant an München finde ich unter anderem die Verbreitung der Tracht. In Wien hat sich das erst in den vergangenen zwanzig Jahren durch den Gabalierismus entwickelt. Da findet eine künstliche Authentisierung statt.
Der Austrofred lebt von der Spannung einerseits zwischen der Unbeholfenheit eines Teenagers, der vor dem Spiegel Luftgitarre zu Queen spielt, und dem glamourösen Weltstartum seiner Idole andererseits. In dieser Fallhöhe liegt vielleicht seine Echtheit.
Das ist ein Teil von ihm. Die Fallhöhe entsteht durch die geplante Diskrepanz zwischen Austropop und dem Stadionrock von Queen. In der Geschichte
des Austropop gibt es verschiedene Aneignungen:
Ambros singt Dylan, Schleicher singt Stones, als
würden sie mit dir am Wirtshaustisch sitzen. Queen ist genau das Gegenteil davon. Die größte Geste,
die es gibt, und die wird auch noch übertrieben.
Du hast eine Faszination für beides?
Schon, ja. Bei der Genese des Austrofred habe ich darüber nachgedacht, dass zwar ein Ambros Dylan singen kann, aber Queen auf Österreichisch ein totales Unding wäre. Ich wollte das nur als Gag
machen und dann hat es sich verselbstständigt.
Du hast von geplanter Diskrepanz gesprochen.
Den Widerspruch der beiden Erzählhaltungen
kann man nur durch Komik überbrücken, die ganz ohne Persiflage entsteht.
Du nimmst aber das eine wie das andere ernst?
Genau. Die Montage selbst erzeugt schon eine
derartige Verfremdung, dass man keinen Witz
mehr machen muss.
Vermutlich kennen bei einem Austrofred-Auftritt 95% der Leute im Publikum deinen bürgerlichen Namen. Trotzdem bist du für alle zu 100% der Austrofred. Besteht da eine Art Vertrag mit dem Publikum?
Auf jeden Fall. Das hat ja den guten Nebeneffekt, dass die Leute viel klatschen. Ich spiele einen Star, sie spielen euphorische Fans. Dadurch hast du ein super Publikum.
Mittlerweile kennt man den Austrofred auch als Autor, Darsteller und Fernsehfigur. Wo endet sein Aktionsradius, wenn er glaubwürdig bleiben will?
Das ist eine schwierige Frage. Man erweitert sich natürlich immer. Als Austrofred habe ich auch schon Werbung gemacht, aber die muss ein bisserl Witz behalten. Er darf nicht zu gescheit werden und er muss sich einen Rest Anarchie bewahren.
Trotzdem inszeniert sich der Austrofred als Diktator. Einer, der dem Team in seinem Kompetenzzentrum sagt, wo es langgeht.
Das stimmt. Bei Kreisky geht das leider nicht, da haben wir Basisdemokratie. Wenn ich lange mit der Band unterwegs war, reicht es wieder mit der Demokratie. Dann freue ich mich, wenn ich alleine im Zug zu Auftritten fahre und mir alles selber ausdenken kann.
Der Austrofred funktioniert, solange er dir Freude macht?
Das stimmt wahrscheinlich sicher. Ich mache das jetzt seit 25 Jahren und es bereitet mir mehr Spaß denn je. Vor allem, weil ich es jetzt kann.
Wie war das früher?
Als ich noch nicht so bekannt war, bin ich öfter auf Zeltfesten aufgetreten. Hin und wieder war ich da mit lautstarker Ablehnung konfrontiert. Heute kann mir auf der Bühne kaum mehr was passieren, ich kann jede Situation handeln.
Gibt es für den Austrofred ein Exitszenario? Etwa, dass er nur mehr schreibt und liest?
Das halte ich für möglich, denke aber noch nicht so viel darüber nach. Wobei: Den Austrofred habe ich etwas älter gemacht als mich, und ich bin jetzt 49. Da merkt man schon, dass es bühnenmäßig nicht ewig auf diesem Level weitergehen wird.
Literarisch ist der Austrofred sehr nahe an den Brenner-
Krimis von Wolf Haas, aber auch an Josef Hader und
Gerhard Polt. Wie sie schöpfst du als Autor einer Kunstsprache aus dem Alltag. Das ist am Austrofred noch
gar nicht ausreichend gewürdigt worden.
Ja, super, danke! Eine Dialektsprache, wie sie oft in den sozialen Medien verwendet wird oder auf Speisekarten von Landgasthäusern, die ist eigentlich immer ein bisschen komisch. Wenn der Dialektmensch schreibt, bemüht er sich um eine besonders schöne Hochsprache. Die Diskrepanz zwischen dem übergewählten Ausdruck und dem Inhalt macht es aus. Aber das finden wir schon beim Nestroy und später beim Hans Moser. In diesem Sinne ist es eine klassische Technik, die ich gerne und mit Vergnügen verwende.
Nimmst du bei Austrofred-Lesungen
auch voll kostümiert im Lesesessel Platz?
Ohne Kostümierung habe ich noch nie als Austrofred gelesen. Das gehört natürlich dazu. Obwohl das Umziehen und Schnurrbartaufkleben das Einzige ist, was mich an der Arbeit nicht freut. Lachhaft, aber es ist so.
Ist Echtheit für dich ein Kriterium, wenn du mit
der künstlerischen Arbeit anderer zu tun hast?
Irgendwie wahrscheinlich schon, wobei ich Künstlichkeit grundsätzlich sehr schätze. Aber das ist ein feiner Grat, muss man sagen. Freddie Mercury war in seiner Künstlichkeit zum Beispiel total auf der echten Seite. Die große Show, die er geliefert hat, ist für mich nichts Unauthentisches. Das Zauberwort heißt Kommunikation. Du bist Sender und Empfänger und wenn ich als Austrofred einen Star spiele, muss ich die Antenne auf derselben Frequenz haben wie das Publikum, das Fans spielt. Wenn du dich als Superstar inszenierst und unten glaubt es keiner, wird es schwierig. Aber man kann das nicht über einen Kamm scheren. Die Kunst ist so interessant, weil sie letztendlich nicht ausrechenbar ist. Viele Sachen entziehen sich der Berechenbarkeit. Dieser nicht ausrechenbare Bereich ist quasi religiös.