Beredte
Orte

Historisch informierter Futurismus und die heilige Vorhaut Jesu

Chris Müller im Gespräch mit Florian Sedmak

  • Chris Müller steht in einem Raum mit einem Regal im Hintergrund und vielen weiteren Utensilien, die sein Büro zeigen.
    © Antje Wolm

Aus einer Bergmannsdynastie im kohlehaltigen Hausruckviertel stammend, hat Chris Müller unter anderem als Maschinenführer, Asbestentsorger und Feuerschützer gearbeitet, ehe er sich der Inszenierungskunst zuwandte. In der Musik und am Theater, dann als Créateur, Entrepreneur und Urban Miner. Nach seinem durchschlagenden Entwicklungserfolg als Gründungsgeschäftsführer der Tabakfabrik Linz ist Müller international gefragter Spezialist für die Transformation großer Leerstände und Brachen wie das berühmte Otto-Wagner-Areal in Wien.

Unser Gespräch über seine Arbeit und die Magie von Orten findet in Telefonkonferenzschaltung und via Freisprechanlage statt, während Müller mit seiner Gesellschafterin Maria Dietrich ein Autobahnteilstück zwischen Kärnten und Wien befährt.

  • Ein Portrait von Chriss Müller in einem grauen Anzug mit Krawatte.
    © Antje Wolm

Weil du gerade auf der Autobahn bist: Hast du einen Bezug zu Kraftwerk und ihrem großen Hit?

Kraftwerk sind bei uns in der OKA-Siedlung die ganz große Nummer gewesen. Ich habe meinem älteren Bruder beim Imitieren der Tanzmoves nachgeeifert. Kennt ihr das Konzert, das Kraftwerk mit dem aus der ISS im All zugeschalteten deutschen Astronauten Alexander Gerst gegeben hat? Das ist sehr beeindruckend. Gerst ist übrigens von den Eltern meiner Mitarbeiterin Olga in einem Sternenstädtchen bei Moskau ausgebildet worden; die haben mir Autogramme verschiedener Raumfahrer zukommen lassen.


So wie offensichtlich für die Raumfahrt auch interessierst du dich für viele verschiedene Dinge, an denen du in unterschiedlichen Berufen arbeitest. Was ist die Klammer, die alles zusammenhält?

Ehrlicherweise wundert mich diese Frage immer. Darin scheint mir ein Grundproblem unserer Gesellschaft zu stecken. Wir brauchen ständig mehr Experten und Expertinnen für jedes Detail. Dadurch fragmentieren wir die Welt immer weiter und verlieren das große Ganze aus dem Auge. Als Schaffender versuchst du, universeller zu sehen und das ganze Mosaik der Welt zu erblicken.


Eine schöne Definition besagt, dass Künstlerinnen und Künstler Menschen sind, die sich für alles interessieren.

Es ist ursprünglich, sich für alles zu interessieren. Außer für Gossip, die Nachbarschaft und Steuererklärungen, was mich betrifft.


Könnte man sagen, dass der Kern deines Tuns darin besteht, Dinge in Szene zu setzen?

Absolut. Eine mächtige Form von Inszenierung ist die Kommunikation. Sie formt die Welt oder lässt sie zerbersten.

  • Chris Müller steht auf dem Flachdach der Tabakfabrik und lehnt ganz cool mit Sakko am Schriftzug: Wegen Umbau geschlossen.
    © ines thomsen photography

Mit der richtigen Sprache und dem richtigen Bild kannst du dein Anliegen ohne Geld, ohne Caterpillar und ohne Gewalt durchbringen. Und im besten Fall Welten entwerfen, die noch niemand gesehen hat.


Von der Inszenierung ist es nicht weit zur Blendung.
Das ist ein feiner Grat.

Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Mit einer Blendung möchte ich dich täuschen. Inszenierung ist, glaube ich, die Welt, die man sich vorstellen kann.


Eine wesentliche Rolle in deinen Inszenierungen spielen Orte, auf die du dich empathisch einlässt.

Die Liebe zu Orten und Plätzen in Kombination mit Menschen ist die treibende Kraft. Wir Menschen legen großen Wert darauf, wie wir uns kleiden, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Im Gegensatz zur Kleidung können wir den Raum nicht ausziehen. Er umgibt uns immer. Trotzdem machen wir uns relativ wenig Gedanken drüber, wie er auf uns wirkt, wie wir in ihm wirken und wie wir gemeinsam mit dem Raum wirken.


Die Kunst besteht darin, zu hören, was Orte erzählen?

Den Ort zu bereisen, gehört zur Faszination meines Berufs. Das Verständnis des Raumes macht es aus. Du kannst die Aura von Orten erfühlen. Das beginnt mit der Recherche, bei der du wie ein Indiana Jones der Real-Estate-Industrie vorgehst: Du achtest auf die Änderungen des Lichts im Tagesverlauf. Darauf, was du hörst. Was spricht die Vergangenheit? Odo Marquard, der Philosoph, sagt: Keine Zukunft ohne Herkunft. Kreative, die Innovation für die Erfindung von etwas noch nie Gedachtem halten, erliegen einem Irrtum – so dogmatisch möchte ich da sein. Alles kommt von irgendwo, bedingt einander, ist miteinander verbunden.


Was ist Innovation dann?

Du kannst nichts in der Luft aufsetzen. Irgendwer hat schon vor mir etwas gedacht, ich entwickle es weiter. Irgendwer hat etwas gebaut, ich entwickle es weiter. Wenn wir mit Orten arbeiten, sind wir Zukunftsarchäologen. Wir suchen Fragmente von Gesprächen, von Vergangenheiten, von Ruinen, von Bauresten, von Begegnungen. Dann legen wir unsere Fundstücke und alles Erlebte auf einen Leuchttisch und fügen alles zu einem Mosaik zusammen.


Aber doch nicht im Sinne einer Rekonstruktion.
Es entsteht ja etwas Neues.

Das Neue entsteht, wenn du mit dem feinen Pinsel der Empathie den Staub der Geschichte entfernst. Und es kommt nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Vorschein. Weil du die Dinge erneut zusammenfügst.


Das könnte man als historisch informierten Futurismus bezeichnen?

Auf diese Formulierung bin ich in meiner Echo­kammer noch nicht gekommen. Danke dafür.


Ist es an und mit jedem Ort möglich, diese Form von Futurismus zu praktizieren?

Ich glaube, jeder Ort kann ein Ort mit Zukunft werden. Aber nicht zu jeder Zeit, nicht durch jeden Auftraggeber und nicht durch jedes Team. Oft erkennst du, dass die Zeit für einen Ort noch nicht reif ist, weil erst die richtige Technologie oder die Infrastruktur vorbeikommen muss. Es ist auch immer eine Frage des Momentums, in dem die richtigen Personen an den richtigen Stellen eine Konstellation ergeben, die eine Kraft freisetzt, durch die etwas entstehen kann.


Gibt es Orte, die eine besondere Inspirationsquelle für dich darstellen?

Viele. Denkt an Loch Ness: Dort geht es um etwas, das gar nicht da ist. Oder Calcata in 60 Kilometer Nähe zur mächtigen, unendlichen und ewigen Millionenstadt Rom, der Calcata mit seinen 900 Bewohnern Konkurrenz macht. Weil in Calcata die heilige Vorhaut Jesu verwahrt und einmal im Jahr gezeigt wird. Millionen Menschen pilgern dorthin. Orte, die so eine unglaubliche Erzählung haben, faszinieren mich. Wie El Camino Real in Kalifornien, der 21 spanische Missionsstationen verbindet, die jeweils einen Tagesritt voneinander entfernt sind. Dazu gehören San Diego, Los Angeles und San Francisco. Daraus ist das Silicon Valley entstanden.