Spinn, spinn, Spinnerin
Die einen können mit meinen Schädeln nichts anfangen, die anderen nichts mit meinen Madonnen.
Sonja Raab im Gespräch mit Florian Sedmak
Aus Leidenschaft für indianische Traditionen wäre sie um ein Haar nach Kanada ausgewandert – und ist dann doch um ihrer geliebten Großmutter willen im stillen Opponitz im Ybbstal geblieben. Unweit von dort hat Sonja Raab vor sieben Jahren den Kosmos der Klosterarbeit entdeckt und gefunden, was ihr ganz und gar entspricht: ein handwerklich extrem anspruchsvolles Gebiet, auf dem sie mit kostbarem Material und Engelsgeduld an Artefakten mit symbolischer Strahlkraft und geistigem wie geistlichem Mehrwert arbeiten kann. Unser Gespräch findet bei Kaffee und Schokoladeguglhupf mit Rosinen in ihrer Villa Raabennest statt, in der wir auch in ihre Werkstatt und ihr Zauberzimmer geführt werden.
Du bezeichnest deine Arbeit als Goldspinnerei. Hat das was mit dem märchenhaften Rumpelstilzchen zu tun, das für die Königstochter Stroh zu Gold spinnt?
Nein, sondern damit, dass man ein bisschen spinnen muss, um so etwas zu machen. Der korrekte Begriff lautet Klosterarbeit.
Klosterarbeit?
Das sind die schönen Künste der Nonnen. Die armen Leute haben Heiligenbilder, Madonnen und dergleichen aus Holz, Wachs und Stroh gefertigt. Die Schwestern in den vermögenden Klöstern haben zu Golddraht gegriffen und kleine Blätter und Blüten zur Verzierung von Heiligendarstellungen gebogen. Ursprünglich in Bayern, soweit ich weiß. Auch Frater Eder – auf den die sogenannte Eder-Technik zurückgeht – war ein Bayer. Er hat die Klosterarbeit perfektioniert und auf ein unfassbares Niveau gehoben. Da ist alles auf den Millimeter abgemessen, zugeschnitten und zurechtgebogen und absolut symmetrisch.
Klingt japanisch.
Da gibt es schon Parallelen. Du brauchst Sitzfleisch und Geduld. Es ist eine Fitzelarbeit, während der du dich manchmal selber fragst, warum du dir das antust.
Was ist deine Antwort?
Ich bin extrem zappelig, unruhig und ständig in Bewegung. Beim Goldspinnen musst du voll konzentriert sein, viel zählen und aufs Detail schauen. Für mich ist das Meditation.
Hast du eine klösterliche Ader?
Ich bin tatsächlich ein Schuljahr lang auf einer Klosterschule gewesen. Mit den Schwestern habe ich nichts am Hut gehabt, aber ich habe schon als Kind gesagt, dass ich einmal ins Kloster gehen werde. Wegen des Alleinseins und der Ruhe.
Jetzt ist deine Werkstatt dein Kloster. Wie bist du zu dieser Arbeit gekommen – oder wie die Arbeit zu dir?
Ich habe lange für ein regionales Magazin geschrieben und am liebsten Menschen porträtiert, die etwas Besonderes machen. So bin ich zu einer alten Frau auf einem Hof gekommen, die Klosterarbeit gemacht hat. Ich war davon begeistert, habe aber auch naiv gefragt, warum alles mit der Hand gestickt wird statt geklebt, was doch viel schneller ginge. Da hat sie mich ganz entsetzt angeschaut und gesagt: Bei der Klosterarbeit wird nicht geklebt. Es geht darum, alles selbst von Hand extrem perfektionistisch zu machen. Auch Dekor wie goldgefasste bunte Steine, die man fertig kaufen könnte.
Und dann?
Habe ich im Newsletter von Stift Seitenstetten einen Wochenendkurs in Klosterarbeit entdeckt, bei dem ich ein dunkelblaues Madonnenbild angefertigt habe. Das habe ich gleich via Internet verkauft und vom Erlös das Material für die nächste Arbeit bezahlt. Das kriegst du übrigens in Österreich gar nicht mehr; das kommt alles aus Passau. Ein halbes Jahr später habe ich das Gewerbe angemeldet.
Die traditionelle Klosterarbeit ist aber nur ein Pol deiner Arbeit.
Ich habe mir überlegt, was mir persönlich heilig ist, und bin auf meinen Großvater gekommen. Der war Holzknecht und immer im Wald. Der erste Schädel, den ich vergoldet habe, war von einem Mufflon aus seiner Sammlung. Die Goldspinnerei kannst du auf alles anwenden. Für ein Münchner Modeatelier mache ich beispielsweise Haarkämme und Kopfschmuck, die auf ein bestimmtes Kleid abgestimmt sind.
Die Schädel, die du vergoldest, haben etwas Schamanisches.
Einerseits habe ich viele Kontakte in das christliche Umfeld der Klosterarbeit, andererseits auch zu Menschen, die sich für Schamanismus und heidnische Traditionen interessieren. Die einen können mit meinen Schädeln nichts anfangen, die anderen nichts mit meinen Madonnen. Den einen bin ich zu heidnisch, den anderen zu christlich. Ich selbst sammle Objekte, die sowohl christlich als auch heidnisch sind. Fraisenketten zum Beispiel, die man früher als Schutzamulette den Kindern in die Wiege gelegt und im Stall aufgehängt hat. Da ist dann ein kleiner Jesus aus Blei auf ein Knochenkreuz genagelt.
Klingt nach Voodoo.
Total. Was ich auch selber mache, sind Breverln, die aus dem bayerischen Raum kommen: Glücksbringer und Amulette, in die Reliquien und andere bedeutungsvolle Objekte wie Palmkätzchen oder Monstranzbohnen eingenäht werden.
Zu deiner Arbeit gehören auch Goldhauben und Brautkronen.
Richtig. Hier in Opponitz sind wir an der Eisenstraße, an der es eine eigene Tracht gibt. Die Brautkrone zur Tracht habe ich ergänzt.
Ist die im Sinne der Tracht echt?
Sie ist außen aus dem originalen Stoff fürs Kleid und innen aus dem für die Schürze genäht und mit handgeschmiedeten Eisenknöpfchen vom Ebyl-Schmied in Ybbsitz sowie der Miniatur einer Wolfsmaulzange geschmückt, mit der die Schmiede das heiße Eisen aus der Esse holen. Ob sie echt ist? Auch die Tracht war irgendwann einmal neu. Wie die Goldhaube auch, die zuerst von reichen Linzer Bürgerfrauen getragen worden ist. Eine Goldhaube ist nur echt, wenn du sie so machst, wie sich das eingebürgert hat. Darüber wacht eine regelrechte Goldhaubenmafia.
Reizt es dich nicht, mit diesen Regeln zu brechen?
Ich bin fest entschlossen, eine
knallbunte Goldhaube zu machen.
Bist du die Zukunft der Klosterarbeit?
Keine Ahnung. Ich bin 50 und mit Abstand die Jüngste in der Szene. Und die Wildeste.